Handlungsanleitung

Lernbeweglichkeit fördern

„Wenn alles schläft und einer spricht, das Ganze nennt man Unterricht.“ Dass Unterricht zuweilen langweilig sein kann, ist eine Erfahrung, die allgemein geteilt wird. Lernbeweglichkeit ist ein Mittel der Wahl, um Langeweile – und in der Folge Lernbarrieren – in Lern- und Lehrsituationen erst gar nicht aufkommen zu lassen. In dieser Handlungsanleitung erfahren Sie, wie Sie Beweglichkeit ins Lernen bringen.

Manche Lernende haben die Vorstellung, Lernen stelle sich dann ein, wenn die Kursleitung im Frontalunterricht den Lernstoff vermittelt. Wie viele Gesichter Lernen haben kann, wie lebendig und aktiv es sein kann, ist gerade lernungewohnten Teilnehmenden kaum bewusst. Viele verbinden mit Lernen noch immer das Modell des Nürnberger Trichters, d.h. Lehrstoff wird ihnen eingetrichtert und gilt dann als gelernt. Dabei wirkt ein Unterricht ohne Abwechslung und Aktivität der Lernenden nicht nur ermüdend, er provoziert darüber hinaus Lernbarrieren.

Die Lernbeweglichkeit zu fördern bedeutet, den Lernenden im Lernprozess bewusst Erfahrungen zu eröffnen, auf welche unterschiedlichen Arten Lernen erfolgen kann. Gerade in der Bildungsarbeit mit weniger lerngewohnten Teilnehmenden sollte die Förderung der Lernbeweglichkeit explizites Ziel von Weiterbildung sein, um die individuellen Voraussetzungen für lebensbegleitendes Lernen zu entwickeln.

Bewährt hat es sich, wenn Kursleitende einmal biographisch beginnen und den Blick der Lernenden dafür öffnen, was und wo sie im Laufe des Lebens gelernt und Kompetenzen erworben haben. Ausgehend von der Frage „Wo überall lerne ich“ werden im Folgenden einige Methoden zur Förderung der Lernbeweglichkeit dargestellt, die sich in der Praxis bewährt haben.

Wo lerne ich?

Lernbeweglichkeit ist mehr als das Genießen von abwechslungsreichem Unterricht. Gerade bei Geringqualifizierten, die Lernen oftmals mit formalen Lernkontexten wie etwa Schule assoziieren, geht es zunächst darum, ihnen ihre eigene Lernbeweglichkeit bewusst zu machen. Sie sollen entdecken, dass sie in ihrem Leben viel gelernt haben, an unterschiedlichen Orten und auf sehr verschiedene Art und Weise; und das, obwohl ihr aktueller Status „geringqualifiziert“ darauf nicht unbedingt hindeutet. Der kanadische Bildungsforscher Livingston geht davon aus, dass das, was wir wissen und können, zu über 70 Prozent informell erworben wurde. Sich bewusst zu machen, was man im informellen Lernen geleistet hat, ist auch ein wichtiger Baustein beim Aufbau eines Selbstbewusstseins, das gerade bei Geringqualifizierten oft schwach ausgeprägt ist. Die fatale Folge ist, dass sie sich deshalb häufig weniger zutrauen als sie tatsächlich können. Ein Mindestmaß an Selbstbewusstsein ist Voraussetzung für gelingendes Lernen. Lernbarrieren sind häufig in fehlendem Selbstbewusstsein in Bezug auf Lernen begründet.

Lernbeweglichkeit fördern – so kann es gehen

Bewusstsein das eigene Lernen und damit die eigene Lernbeweglichkeit zu entwickeln, lässt sich z.B. mit Hilfe einer zweistufigen Übung fördern.

Vorwissen aktivieren oder Ergebnisse sichern am Beispiel der Methode "Wörtertopf":

Die Lernenden schreiben zu einem Thema, das bearbeitet werden soll, assoziativ Begriffe auf Metaplankarten, die sie mit dem Thema verbinden (z. B. jeder 3 Karten). Diese Karten werden von dem Lehrenden eingesammelt, durchgemischt und verdeckt wieder in gleichmäßiger Anzahl an zuvor gebildete Kleingruppen ausgeteilt. Diese stellen sich in verschieden Ecken des Raumes und jeder zieht nacheinander eine Karte. Gemeinsam werden die jeweiligen Begriffe im Zusammenhang mit dem Lernthema besprochen und sich damit darauf eingestimmt.

Dieselbe Methode Wörtertopf kann dazu benutzt werden, um nach einer Lerneinheit spielerisch Lernergebnisse zu vergewissern. Zunächst äußert sich jeweils der Einzelne, bei Bedarf ergänzt die Kleingruppe.

Vorwissen aktivieren oder Lernergebnis einschätzen am Beispiel von "Aufstellungen":

Auch „Aufstellungsübungen“ können zur Vergewisserung und individuellen Einschätzung von Vorwissen oder Wissenszuwachs dienen. Dazu stellen sich die Lernenden entlang einer imaginären Linie im Raum zwischen „Darüber weiß ich bereits viel“ und „Darüber weiß ich eher wenig“ auf. In Bezug auf die Einschätzung des Wissenszuwachses können die Pole lauten: „Ich habe keine Fragen zum Thema mehr“ und „Ich habe noch viele offenen Fragen.“ Die Kursleitende läuft die imaginäre Linie ab und lädt die Teilnehmenden zu kurzen Kommentierungen ein, warum wer sich wohin gestellt hat. Sie gibt abschließend einen Hinweis, was mit dem Aufstellungsergebnis nun passiert.

Erarbeiten von neuem Lernstoff am Beispiel der Methode "Hearing":

Bei dieser Methode wird die Großgruppe in zwei Teilgruppen aufgeteilt: Eine Gruppe - die „Frager“ - widmet sich einem neuen Lernthema, indem sie Fragestellungen erarbeitet, deren Antworten zum Thema wissenswert sein können. Die zweite Teilgruppe bearbeitet Texte. Die Gruppenmitglieder werden so zu „Experten“, die ihr neues Wissen im Anschluss für die „Frager“ zur Verfügung stellen. Durch diese Zweiteilung sichern Sie als Lehrende ab, dass die Teilnehmenden alle Fragen beantworten können oder stellen fest, wo noch Lernbedarf besteht. Damit sind unterschiedliche Lernwege und lebendiges Lernen ermöglicht und die Unterstützung durch die Kleingruppe gesichert.

Lernbeweglichkeit: Pro & Contra

Lernende, für die lebendige und aktivierende Methoden noch ungewohnt sind, deren Lernbeweglichkeit noch am Anfang steht, brauchen eine gute Anleitung und ggf. weitere Unterstützung im Lernprozess. Bei der Methode „Wörtertopf“ bspw. kann dazu beim ersten Mal die Lehrperson die Begriffe vorbereiten und Begriffe wählen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit anschlussfähig für die Lernenden sind.

Bei der Ergebnissicherung in „Aufstellungsübungen“ muss die Kursleitung sensibel darauf achten, dass sich der und die Einzelne nicht „vorgeführt“ fühlt oder er/sie zum Versager stilisiert wird. Hier braucht es Fingerspitzengefühl.

CC BY-SA 3.0 DE by Rosemarie Klein für wb-web


Quelle

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