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Soll ich mich jetzt auch noch mit Arabisch und Dari beschäftigen?

Ich kann mich noch gut an die ersten Stunden als Ehrenamtliche erinnern. Beim Einführen der Personalpronomen fragte mich einer der Iraker, die ich immer noch betreue: „Du - woman or man?“ Ich sagte, das kann eine Frau oder ein Mann sein und ich versuchte, dies auf Englisch und mit einer Zeichnung zu verdeutlichen, trotzdem war es nicht geklärt. Ich dachte, warum fragt er das und er dachte sich vermutlich, warum antwortet sie nicht auf meine Frage? Heute weiß ich: im Arabischen wird bei der Anrede (zweite Person Einzahl) zwischen den Geschlechtern unterschieden: inta – du (m), inti – du (w) (Heiner, 2016, S. 36).

Wo findet man Informationen zur Erstsprache?

Woher ich das weiß? Inzwischen beschäftige ich mich mit jeder Sprache der Lerner und deren grundlegendem Aufbau. Dies ist umso wichtiger, je geringer die Sprachkenntnisse der Flüchtlinge sind. Analphabeten kann man mit diesem Wissen auch grammatikalische Strukturen erklären, auch wenn sie natürlich immer lachen, wie ich das ausspreche. Ich kann leider noch nicht Arabisch oder Farsi lesen, sprechen und schreiben, aber mit der Kauderwelsch-Serie vom Know-How Verlag, eigentlich als Sprachführer für Globetrotter gedacht, habe ich ein gutes Handwerkszeug gefunden. Die Bücher gibt es für unter 10 Euro für 137 Amtssprachen. Das Besondere ist die Wort für Wort Übersetzung, sie hilft die Struktur der Sprache zu verstehen. Ganz nebenbei bekommt man noch einen wertvollen Kurz-Knigge für das Land und die von dort kommenden Menschen.

Arabisch Wort für Wort

Im Arabischen liegt die Grundbedeutung in den Konsonanten, meistens bilden drei Konsonanten (zum Beispiel k-t-b) die Wurzel, die dann alle mit „schreiben“ zu tun haben. Durch Einschub von Vokalen in die Wurzel entstehen neue Wörter:

  • kataba            er schrieb
  • ja-ktub            er schreibt
  • kitaab                         Buch
  • kaatib             Schriftsteller (Zarka, o.J., S. 10)

Erschwerend kommt dann hinzu, dass oft nur die Konsonanten geschrieben werden. In Abbildung 1 (fett, blau: irakisch-arabisch, grün, kursiv Deutsch Wort für Wort) kann man sehen, dass in der Gegenwart kein Hilfszeitwort „sein“ verwendet wird und dann wundert man sich auch nicht mehr, wenn sie sagen: „Die Hose rot.“ 

Im Arabischen gibt es nur zwei grammatikalische Geschlechter, männliche Wörter enden meist auf einen Konsonanten, weibliche auf -a. (tabib Arzt, tabiba Ärztin). Es gibt auch nur einen Artikel al-, dieser ist aber für männliche, weibliche, Einzahl oder Mehrzahl gleich. Die Mehrzahl wird bei männlichen Wörtern durch Anhängen von -in, bei weiblichen Wörtern durch Anhängen von -at gebildet (fallah Bauer, fallahin Bauern, fallaha Bäuerin, fallahat Bäuerinnen) (Heiner, 2016, S. 25). Interessant ist auch, dass es im Arabischen (Heiner, 2016, S. 26) eine Zweizahl gibt, die durch Anhängen von -en gebildet wird. (bet Haus, beten zwei Häuser) Auch Fragen diesbezüglich sorgten bei mir für Verwirrung. Eigenschaftswörter sind nachgestellt (Abbildung 2), darauf muss bei der Einführung von attributiven Adjektiven (das rote Sofa) geachtet werden.

Es gibt genauso wie im Deutschen Fragen mit Fragewörtern und Entscheidungs­fragen (Heiner, 2016, S. 60f.). Bei den Zahlen wird wie im Deutschen zuerst der Einer, dann der Zehner gelesen, z.B. chamsa wu *ischrin (fünf-und-zwanzig). Beide Sachverhalte stellen normalerweise deshalb auch kein Problem dar. Dafür gibt es im Arabischen keinen Unterschied zwischen nicht und kein. Da die Wortendungen im Arabischen nicht nur beim Sprechen meist weggelassen werden und dies auch nicht als inkorrekt gilt, sind die Fälle für arabische Deutschlerner meist lange ein Problem.

Sie kommen zu spät!

Manchmal genau um eine Stunde! Warum? Wort für Wort übersetzt heißt eine Zeitangabe im Arabischen: Der Stunde in der Zehn und Hälfte und das bedeutet: Es ist halb elf. Da müssen wir uns nicht wundern, wenn sie statt um halb zehn um halb elf kommen, weil im Arabischen die halbe Stunde immer „nachgezählt“ wird.

Schrift und Aussprache

„Meine Iraker“ sind sehr gebildet und sprechen Englisch und beherrschen bereits unser Schriftsystem. Richtig exotisch wird es, wenn man sich mit der Schrift und der Aussprache beschäftigt. Dass von rechts nach links geschrieben wird ist hinlänglich bekannt, dass aber auch die Bücher und Zeitschriften „hinten“ das Deckblatt haben und von hinten nach vorne geblättert werden muss, sorgt trotzdem für Erstaunen. Die 28 Buchstaben gibt es in drei Formen, als Buchstabe am Beginn eines Wortes, in der Mitte, am Ende eines Wortes (Abbildung 3). Kein Wunder, wenn Analphabeten sich über Groß- und Kleinschreibung wundern, aber an der gleichen Stelle?

Eine weitere Besonderheit ist, dass viele Wörter nur mit Konsonanten geschrieben werden, die Vokale werden durch diverse Punkte und Striche rund um die Konsonanten angedeutet oder es werden beim Lesen dann passende Vokale eingefügt. Deshalb lassen sie oft die Vokale im Deutschen einfach weg oder fügen zusätzliche Vokale eine („die Schewester“). Es gibt nur drei Vokale (a, i, u), die unterschiedlich lang ausgesprochen werden. Die Unterscheidung von e und i, sowie u und o und die Aussprache der Umlaute fällt besonders schwer. Es gibt auch kein hartes p (typisch: „basst schon“ anstelle „passt schon“). Wenn man um diese Besonderheiten weiß, kann man darauf achten und dies von Beginn an trainieren. (Zarka, o. J., S. 8)

Und die Afghanen?

Sprechen eine ganz andere Sprache – Dari, Paschtu oder Urdu. Dari ist eng mit dem iranischen Farsi verwandt, ca. die Hälfte der Afghanen spricht Dari. Dieses Alphabet besteht aus 32 Buchstaben (eine abgewandelte arabische Schrift, ergänzt um 4 Buchstaben) und dies auch in drei Formen (am Wortanfang, in der Mitte und am Ende) (Sadaghiani, 2016, S. 3). Sehr typisch ist die Aussprache, Afghanen sprechen „kräftesparender“ als wir Deutschen. Wenn man den Unterkiefer kaum bewegt und die Wörter aneinanderhängt, kann man den typischen afghanischen Tonfall gut treffen. Auf der anderen Seite müssen wir die afghanischen Lerner darauf hinweisen, dass sie laut, hart und mit Pausen deutsch sprechen müssen, damit die Sprachmelodie stimmt. Bei den Buchstaben fällt mir am meisten auf, dass viele das z nicht wie tz aussprechen, sondern wie s, (typisch: „simmer“ anstatt „Zimmer“). Dari ist eine einfache Sprache, die einen kreativen Umgang mit der Grammatik erlaubt. Es gibt keine männlichen und weiblichen Formen, es gibt keine bestimmten Artikel. Die Mehrzahlbildung erfolgt meistens durch Anhängen von -hâ (mûtar Auto, mûtar-hâ Autos) und viele andere Konjugationen sind regelmäßig, und falls nicht, spielt es auch für Afghanen keine Rolle, wenn man es nicht ganz richtig verwendet. Deshalb können sie auch zu Beginn kaum verstehen, dass wir da so pedantisch sind.

Typisch für Dari ist das Verbindungs-e, welches sehr oft vorkommt, da alle Adjektive damit nachgestellt werden (Abbildung 4+5).

Man kann beliebig viele Wörter verbinden, aber immer nachgestellt. (Haus-von groß-von Nachbarn-von Bruder-von groß-von ich Das große Haus des Nachbarn meines großen Bruders). Die Adjektive selber bleiben immer gleich, egal ob das Wort männlich oder weiblich, in der Einzahl oder Mehrzahl ist. 

Wenn man das weiß, muss man bei der Adjektivdeklination (der rote Ball, ein roter Ball, dem roten Ball) besonders gut erklären und naturgemäß mit viel Übungsbedarf rechnen.

Der Akkusativ wird mit râ gebildet, wenn es ein Objekt ist und bestimmt ist. Für die Verben braucht man keine persönlichen Fürwörter, man erkennt die Person gleich an der Endung. Auch die Vergangenheit lässt sich einfach aus der Grundform bilden, indem man an den Stamm die Personalendung anhängt (Broschk/Hakim, 2016, S. 49f.) Bei der Zahlbildung haben die Afghanen eher Probleme, weil die Zahlen ab 21 regelmäßig mit dem Zehner + o + Einer gebildet werden, wie im Englischen (pindscha o ße, fünfzig und drei dreiundfünfzig).

An ein paar wenigen Beispielen von zwei Sprachen mit denen ich bisher zu tun hatte, habe ich versucht zu erklären, wie wichtig es ist, die Strukturen der Erstsprachen zu kennen, damit man es erstens besser erklären kann, zweitens auf die Unterschiede gezielt hinweisen kann und man schon im Vorfeld weiß, wo Schwierigkeiten auftreten und entweder anders oder mehr geübt werden muss. Gerade bei sprachungewohnten Lernern oder Analphabeten hatte ich große Erfolge damit, neben ein paar Lachern wegen meiner „schlechten“ Aussprache, an diesen Beispielen erklären zu können, worum es überhaupt geht. Solange es sich um Konkretes handelt kann man ja gut mit Bildern arbeiten, aber bei der Erklärung von den Modalverben: können, müssen, sollen wird es schon schwierig, wenn wir keine gemeinsame Sprache haben, da greife ich dann auf die Bücher der Know-How Reihe zurück. Ich kaufe diese für jede neue Sprache, mit der ich zu tun habe und es zählt zu meinem Topempfehlungen in meinem Deutsch-Bücherschrank. Man kann sich aber über die Sprachensteckbriefe von „Schule-mehrsprachig“ informieren. 

Zwei weitere Vorteile hat die Beschäftigung mit der Erstsprache: die Wertschätzung und das Interesse an ihrem Kulturgut und die Demut vor ihrer großen Leistung eine so fremde, neue Sprache zu lernen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, jede Lektion ein neues Wort von ihnen zu lernen und ich kann dieses Versprechen nur mit Mühe aufrechterhalten. Ich verlange aber jede Lektion weit mehr als 20 Wörter, die sie dann auch können sollten und mir gelingt es kaum, dieses eine Wort zu behalten, ohne Schrift und ohne Grammatik. Aber auch dieser kleine Fundus dient schon als Eisbrecher, wenn ich sagen kann, wenn sie nicht vorwärtsmachen: „Jella, Jella“ (Arabisch) oder „Tess, Tess“ (Dari) für „schnell, schnell.“ In einem Monat fängt endlich mein Arabischkurs an und ich freue mich schon auf die Nachhilfestunden bei meinen „Jungs“, weil ich sicher auch Probleme (Müschkele – klingt wie Vorarlberger Dialekt ist aber arabisch) haben werde.


CC BY SA 3.0 DE by Marlis Schedler für wb-web.de  



Literatur:

Abdel Aziz, M. (o. J.). Arabisch Lesen & Schreiben für Gross & Klein. Zürich. Diwan-Verlag.

Broschk, F. & Hakim H. A. (2016). Dari für Afghanistan – Wort für Wort. Bielefeld: Know-How Verlag Peter Rump GmbH.

Heiner, W. (2016). Irakisch-Arabisch – Wort für Wort. Bielefeld: Know-How Verlag Peter Rump GmbH.