Erfahrungsbericht

Gruppenarbeit: "Keine Auszeit für den Kursleiter"

Stefan Roggenkamp

Stefan Roggenkamp
(Bild nicht unter freier Lizenz

Ein VHS-Kursleiter berichtet über seine Train-the-Trainer-Angebote zum richtigen Umgang mit Gruppenarbeit in der Erwachsenenbildung. Lehrende wollen raus aus ihrer Rolle als reine Wissensvermittler und die Lernenden zu eigenverantwortlichem Lernen anregen. Gruppenarbeit dürfe aber unter keinen Umständen als Instrument einer angenehmen Arbeitszeit für den Kursleiter genutzt werden, sagt Stefan Roggenkamp.

wb-web: Herr Roggenkamp, mögen Sie sich kurz vorstellen?

Stefan Roggenkamp: Nach meinem Studium der Sozialpädagogik habe ich einige Jahre als Bildungsreferent im Bereich Freiwilligendienste gearbeitet. In diesem Bereich begann ich schon während meines Studiums und erkannte schnell, wie wichtig das Lernen in Gruppen für die persönliche und berufliche Entwicklung sein kann. Nach dem Studium war dies meine Motivation, eine Train-the-Trainer-Ausbildung zu absolvieren und letztlich auch ein weiterführendes Studium der Erwachsenenbildung. Seit 2009 arbeite ich mit Lerngruppen in unterschiedlichen Zusammenhängen und seit 2013 gebe ich Weiterbildungsseminare für Erwachsenen- und Jugendbildner. Mein Schwerpunkt liegt hierbei auf didaktischen Ansätzen, methodischen Umsetzungen und der Professionalisierung von Kursleitern. Hauptberuflich arbeite ich derzeit in der beruflichen Bildung.

wb-web: Sie bieten an den Volkshochschulen in Köln und Düsseldorf Seminare für Kursleiterinnen und Kursleiter an zur Gestaltung von Lernen in Gruppen. Wie groß ist der Bedarf bei den Kursleiterinnen und Kursleitern und was wollen diese über den Umgang mit Gruppenarbeit und kooperativem Lernen erfahren?

Stefan Roggenkamp: Das Angebot der Volkshochschulen, für die ich tätig bin, ist immer gut besucht. Der Bedarf von Kursleitern, sich auszutauschen, ihre Erfahrungen gemeinsam zu reflektieren und Neues zu lernen, ist enorm groß. Vor allem ist die Nachfrage nach Methoden für Kurse in meinen Seminaren hoch. Viele Kursleiter möchten ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern und neue, alternative oder einfach auch nur andere Methoden kennenlernen, um die Lernenden in ihren Lernprozessen zu unterstützen. Die Tendenz geht ganz klar in die Richtung, dass die Kursleiter raus aus der Rolle des reinen „Wissensvermittlers“ möchten, weil sie sich oft als „Bespaßer“ ihrer Kurse wahrnehmen und Lerninhalte nur noch vorgeben. Das Lernen rückt dabei oft in den Hintergrund, da Wissen bloß wahrgenommen wird, aber oft nicht transferiert wird. Kursleiter suchen also nach einem Umgang mit Gruppen, in dem sie selbst zwar das Wissen bereitstellen, der Lernende aber wieder mehr Verantwortung für sein Lernen übernimmt. Kooperatives Lernen findet hierbei z. B. einen Platz.

wb-web: Welche Probleme im Umgang mit Gruppen gibt es, von denen Ihnen Teilnehmende immer wieder berichten?

Stefan Roggenkamp: Dazu fallen mir direkt zwei Schlagwörter ein: Teilnehmerrollen und Gruppenphasen. Erfahrene Kursleiter, die die VHS-Kurse zu Lerngruppen besuchen, bringen oft Fragen und Anliegen mit zu Situationen, von denen sie nicht wissen, wie sie in ihrem Seminar weitermachen sollen. Ganz klassische Problemfragen sind:

  • Was mache ich, wenn sich eine Gruppe nicht versteht?
  • Wie gehe ich vor, wenn eine Gruppe Gruppenarbeiten verweigert?
  • Wie reagiere ich auf störrische, trotzige oder verweigernde Teilnehmer, die durch ihr Verhalten andere Gruppenmitglieder stören?   

Im Umgang mit Gruppen gibt es sicherlich kein Rezept, welches mit hundertprozentiger Sicherheit immer wieder funktioniert, aber meist hilft es zu verstehen, wie Dynamiken in Gruppen „funktionieren“ und welche Auswirkungen Positionierungsverhalten auf diese Prozesse haben. Teilnehmende, die sich auf die Lehre vorbereiten möchten, haben in diesen Bereichen die meisten Befürchtungen. 

„Gruppenarbeit darf unter keinen Umständen als Instrument einer angenehmen Arbeitszeit für den Kursleiter genutzt werden“, sagt Stefan Roggenkamp.

„Gruppenarbeit darf unter keinen Umständen als Instrument einer angenehmen Arbeitszeit für den Kursleiter genutzt werden“, sagt Stefan Roggenkamp (Bild: pixabay/Public Domain).

wb-web: Was sind aus Ihrer Erfahrung heraus häufige Fehler, die bei der Gestaltung des Lernens in Gruppen begangen werden?

Stefan Roggenkamp: Ich denke, dass einer der größten und häufigsten Fehler eine fehlende Flexibilität im Interaktionsprozess ist.

Eine sogenannte Teilnehmerorientierung in den eigenen Kursen als Handlungsprinzip einzuführen, erfordert eine große Flexibilität, die es erfordert, entgegen der Kursplanung spontan Methoden zu wechseln, Inhalte anders aufzubereiten und an den sogenannten Deutungsmustern der Teilnehmer anzuknüpfen, damit Lernen gelingen kann. Viele Lehrende verlassen sich gerne auf die oft mühsam angelegte Seminarplanung, die das Lernen bzw. das Lehren vorab strukturiert und zu einem geplanten Lernen führen soll. Der Lernende als Subjekt hingegen entspricht dieser Planung oft nicht, weil er eigene Motive, Wünsche und Bedürfnisse hat, die dem Lehrenden vorab häufig nicht bekannt sind. Allein das starre Festhalten an Pausenregelungen entgegen dem Pausenbedürfnis der Teilnehmenden, die sich z. B. nach einer Einheit besonders erschöpft fühlen, kann dann zu Widerständen führen.

wb-web: Welche Tipps haben Sie für Erwachsenenbildner parat, die in der Gestaltung Ihrer Lernangebote gerne Gruppenarbeit einsetzen?

Stefan Roggenkamp: Lassen Sie die Teilnehmer mitbestimmen. Lernangebote in Gruppen sind ohnehin komplex in der Planung, und die Zielgruppe, mit der wir arbeiten, besteht aus erwachsenen Menschen, die für gelungenes Lernen mitverantwortlich sind. Unsere Aufgabe ist es, das Wissen so aufzubereiten, dass es für jeden Lernenden verständlich in kleinen Happen aufzunehmen ist – aber kauen, schlucken und verdauen müssen die Lernenden selbst. Daher bin ich davon überzeugt, dass dieses Lernen, was ich als gelungenes Lernen bezeichne, besser unterstützt werden kann, wenn der Lernende Mitgestaltungsmöglichkeiten im Kurs selbst erhält. In der Praxis heißt das:

  • die Teilnehmenden dürfen äußern, wenn sie eine Pause früher oder später haben möchten,
  • die Teilnehmenden dürfen meine Methoden infrage stellen und äußern, wenn sie sich mit einer Lehrmethode unzufrieden fühlen,
  • die Teilnehmer dürfen in den Austausch gehen und auch mehr Zeit für Gruppenarbeiten einfordern, als ich es geplant hatte.

Durch die Anpassung der Rahmenbedingungen an die jeweilige Lerngruppe verändert sich auch die Atmosphäre in einer Lerngruppe und in den Gruppenarbeiten. Die Lerngruppe übernimmt die Verantwortung dafür, wie lange sie für eine Aufgabe benötigt, wie viel Qualität sie investiert und welches Ergebnis sie erzielt.

wb-web: Gibt es bestimmte Methoden, die Sie favorisieren, um die Lernmotivation und die Aktivität innerhalb einer Gruppe zu erhöhen?

Stefan Roggenkamp: Pauschal ist das für mich schwer zu beantworten, weil nicht jede Methode für jede Lerngruppe die passende ist und ich nicht eine Methode als Universalmittel sehe. Es gibt aber tatsächlich zwei Methoden, die ich persönlich als sehr effektiv empfinde: Zum einen die Methode „Think-Pair-Share“ und das „Gruppenpuzzle“. Bei beiden Methoden erarbeiten Teilnehmer zunächst für sich Inhalte und teilen diese anschließend mit anderen. Beide Methoden aktivieren die Teilnehmer in kooperativen Kleingruppen. Auf diese Weise wird der Lernende selbst mit neuen Inhalten konfrontiert, bereitet diese auf und geht dann über in einen fachlichen Austausch und lernt von anderen Teilnehmern der Lerngruppe wiederum Neues.

wb-web: Eignen sich aus Ihrer Sicht manche Themen besser als andere für Gruppenarbeit?

Stefan Roggenkamp: Nein, nicht zwingend. Ich denke, dass insbesondere Themen, die zu einer identitätsbezogenen Didaktik gehören, also primär auf die Persönlichkeitsentwicklung zielen, durch Austausch und Reflexion in Gruppen wesentlich tiefer bearbeitet werden können als durch Einzelarbeit, da andere Erfahrungen Impulse auslösen können. Gruppenarbeit eignet sich damit im non-formalen Lernen immer dann, wenn die Lernenden ihre Haltung ändern möchten. Die eigene Erfahrung oder Befürchtung wird in eine Gruppenarbeit getragen und unter bestimmten Aspekten analysiert. Hierbei erhält jede Position der Gruppenmitglieder eine wichtige Bedeutung. Dies kann aber auch in formalen Kontexten ein Vorteil sein. Spontan denke ich an die schulische Weiterbildung, in der in formalen Kontexten z. B. Bruchrechnen erlernt werden muss. Teilnehmende können durch Gruppenarbeiten neue Sichtweisen auf mathematische Denkweisen und Prozesse gewinnen, die sie durch ein Lehr-Lerngespräch mit anschließenden Übungen in Einzelarbeit nicht gewinnen können, da Perspektiven von anderen fehlen. Mir ist wichtig, dass Gruppenarbeiten einen lernfördernden Charakter behalten. Der zweckmäßige Einsatz von Gruppenarbeit, nur damit die Gruppe ans Arbeiten kommt, kann schnell einen faden Beigeschmack bekommen. Eine Gruppenarbeit sollte also nicht als bloßer Methodenwechsel eingesetzt werden oder als aktivierender Wechsel der Sozialform. Gruppenarbeit darf unter keinen Umständen als Instrument einer angenehmen Arbeitszeit für den Kursleiter genutzt werden.

wb-web: Haben Sie für Lehrkräfte, die nicht an Ihren Kursen zum kooperativen Lernen teilnehmen können, noch einen Tipp parat, wie man sich am besten über die Gestaltung von Gruppenarbeit informiert? Ein Buch? Ein Link?

Stefan Roggenkamp: Es gibt zahlreiche Literatur zum Thema Methoden oder kooperatives Lernen in Gruppen. Für mich persönlich waren Bücher von Klaus Vopel (Interaktionsspiele I-IV) und Horst Sieberts Methoden für die Bildungsarbeit effektive Lehrwerke. Das Wichtigste beim Anwenden dieser Methoden bleibt aber das eigene Ausprobieren. Jeder Kursleiter muss sich mit den anzuwendenden Methoden selbst wohl und sicher fühlen, um authentisch zu sein.

Stefan Roggenkamp hat als Bildungsreferent langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Gruppen. Er ist Lehrdozent in Train-the-Trainer-Seminaren, u. a. an den Volkshochschulen Düsseldorf und Köln und Teamleiter in der beruflichen Bildung. Seiner Ansicht nach funktioniert Lernen nur subjektorientiert. Sie erfahren mehr über Stefan Roggenkamp auf seiner Homepage: www.stefan-roggenkamp.de

CC BY SA 3.0 DE by Mario Wiedemann für wb-web (09.12.2015), letztmalig geprüft am 13.06.2023


Das könnte Sie auch interessieren

Gruppenarbeit: Frust vorprogrammiert!

- Blog

Gruppenarbeit: Frust vorprogrammiert!
Irgendwann heißt es in jedem Seminar und in jedem Training, dass der nächste Abschnitt in Gruppen bearbeitet werden solle. Kein Arbeitgeber schafft es, sich diesem Trend zu entziehen. Ich muss das Wort „Gruppenarbeit“ nur hören – und meine Nackenhaare sträuben sich. Es scheint gerade so, als würden sie alle lieben. Oder wieso kommt man nirgends mehr um die Arbeit in Gruppen herum? Mir geht sie jedenfalls gehörig auf den Wecker!

Mehr

Lernen in der Gruppe braucht einen Rahmen – Erfahrungen eines Trainers

- Blog

Lernen in der Gruppe braucht einen Rahmen – Erfahrungen eines Trainers
Für viele Menschen ist Gruppenarbeit in Seminaren eine unangenehme Erfahrung. Statt die unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen der Gruppe zu nutzen, verbringen einzelne Gruppenmitglieder die Zeit mit Statusspielchen und Ablenkungsmanövern. Solch ein Verhalten zeigt, dass der Rahmen nicht gut gesetzt war. Es ist die Aufgabe des Seminarleiters, einen guten Rahmen für die Gruppenarbeit zu definieren, zum Beispiel mit „Wahr-Falsch-Karten“.

Mehr

Passende Wissensbausteine

Passendes Material